Leben ist Rhythmus

Programmnotizen

Morning Alleluias, Ron Nelson (*1929)

“Morning Alleluias for the Winter Solstice” entstand im Auftrag und auf inhaltliche Anregung des Dirigenten Frederick Fennell. Das Werk ist in Erinnerung an den am 6. August 1945 über Hiroshima erfolgten Abwurf der ersten Atombombe den Menschen dieser japanischen Stadt gewidmet. Der Auftraggeber schreibt: „Morgen-Allelujas zur Wintersonnenwende – dieser Titel mitsamt seiner Stimmung, welche aus diesem Namen strahlt, kam dadurch zustande, dass ich Ron Nelson folgende persönliche Begebenheit erzählte: ich erwachte eines Morgens in einem Hotelzimmer in Hiroshima, und der ganze Raum loderte geradezu vor Glanz der aufgehenden Sonne. Als ich so lag, mit vielen düsteren Gedanken, aber auch erfüllt von aufheiternden Erwartungen an den beginnenden Tag, da wusste ich, dass diese gewonnenen Eindrücke den Menschen von Hiroshima zu verdanken sind und dass sie nur in Musik beschrieben werden können. Ron Nelson nahm meinen Auftrag einige Tage später in Chicago an und seien Partitur war am 1. März 1989 fertig.“ Bereits zwei Wochen später fand in Hiroshima die Uraufführung statt.
 

Kaddish, William Francis McBeth (*1933)

„Kaddish“ ist die Bezeichnung eines jüdischen Trauergebetes, das die Hinterbliebenen über elf Monate hinweg täglich sprechen. William Francis Mc Beth erhielt 1975 den Auftrag, ein Werk für das Schulblasorchester einer High School zu schreiben. Während der Arbeit an dieser Komposition erhielt er die Nachricht vom Tod seines früheren Lehrers James Clifton Williams. Betroffen vom Ableben seines Lehrmeisters und Freundes beschloss er, sein Auftragwerk als Erinnerung und persönliche Widmung an diesen zu gestalten. In Form eines klingenden Gebetes bringt er darin seinen Schmerz über den Verlust zum Ausdruck und verwendet dazu einen prägnanten Rhythmus aus einer Komposition des Verstorbenen. Dieser Rhythmus zieht sich als pulsierender Herzschlag bis zum letzten Atemzug durch das Werk. Der Komponist schreibt zu „Kaddish“: „Die Komposition ist eine Ansammlung von Emotionen und Gedanken, hervorgerufen durch den Tod eines Freundes. Tränen, Leid, Schreibe, Resignation, und dennoch soll es als Hallelujah enden – als ein Ja zum Leben.“

 

Bolero, Maurice Ravel (1875-1937)
instr. Henk van Lijnschooten
Maurice Ravels „Bolero“ hat den wohl bekanntesten Rhythmus der orchestralen Instrumentalmusik: Ein einfaches zweitaktiges Rhythmus-Schema 338 Takte lang unaufhörlich von der kleinen Trommel wiederholt. Der „Bolero“ entstand im Auftrag der Tänzerin Ida Rubinstein und wurde 1928 uraufgeführt. In einem Interview hat ihn Ravel wie folgt erläutert: „Was den Bolero betrifft (…) würde ich sagen, um jedes Missverständnis zu vermeiden, dass es in Wirklichkeit keinen solchen Bolero gibt und ich ihm absichtlich nicht das typische Wesen dieses spanischen Tanzes gegeben habe. Sein Thema und sein Rhythmus werden im Tempo moderato assai ohne jede darstellende Absicht bis zur Besessenheit wiederholt. (…) Sowohl dem Thema als auch der Begleitung habe ich absichtlich einen spanischen Charakter gegeben. Ich habe immer eine Vorliebe für das Spanische gehabt. Wissen Sie, ich wurde in der Nähe der spanischen Grenze geboren.“
 

Methuselah II, Masaru Tanaka (*1946)
Der Japanische Komponist Masaru Tanaka schreibt zu seinem 1988 entstandenen Werk „Methuselah II für Schlaginstrumente und Blasorchester“: „Die Schlaginstrumente stehen für die östliche, die Bläser für die westliche Kultur. Die Verschiedenheiten dieser beiden Kulturen sollen sich wie die im ersten Teil des Werks verwendete neuere Kompositionstechnik und der gregorianische Choral im zweiten Teil sowohl gegeneinander abgrenzen als auch gegenseitig ergänzen.“ Im Zentrum der Komposition steht das Schlagzeug, welches mit einem dominanten Trommelrhythmus wie ein roter Faden die verschiedenen Kulturen zueinander führen soll.

 

Rhapsody in Blue, George Gershwin (1898-1937)
George Gershwin hatte mit zahlreichen Songs und Broadway-Musicals bereits einige Bekanntheit, als er auf Drängen von Paul Whiteman sein erstes sinfonisches Werk anging: die „Rhapsody in Blue“. Die Uraufführung – mit Gershwin am Klavier – fand am 24. Februar 1924 statt. Sie wurde zu einem sensationellen Erfolg und brachte dem 25jährigen Komponisten den Durchbruch sowohl im Konzert- als auch im Showbereich. Das Publikum war begeistert, und selbst Kritiker, die von Gershwins neuer Komposition nicht überzeugt waren, zeigten sich hingerissen vom unwiderstehlichen Rhythmus der Musik, welcher „selbst dem heiligen Antonius in die Beine gefahren wäre“ (zit. n. Schwinger).

Gershwin hat die „Rhapsody in Blue“ nie selber für Orchester instrumentiert. Bereits die Version der Uraufführung – für Solo-Klavier und erweiterte Jazz Band – stammte von Ferde Grofé. Er fertigte auch die Ausgabe für Blasorchester an, welche 1938, und somit noch vier Jahre vor der heute meist gespielten Fassung für Symphonie-Orchester, entstand.

 

3 Preludes, George Gershwin
Inspiriert von Frédéric Chopin arbeitete George Gershwin an einer Sammlung von 24 Präludien mit den Namen "The Melting Pot". Drei davon präsentierte er erstmals 1926 im Roosevelt Hotel in New York im Rahmen eines Liederabends. Letztlich wurden nur diese drei veröffentlicht. In der Folge "schnell-langsam-schnell" bilden sie einen "klassischen" Zyklus. Das erste ist im Charleston-Rhythmus gehalten, das zweite ist ein Blues-Wiegenlied, das dritte ein Foxtrott.

 

The Man I Love
I Got Rhythm, George Gershwin
Dass Gershwins Songs außerhalb der Theater Karriere machen konnten, verdankten sie ihrer nur losen inhaltlichen Einbindung in die Broadway-Shows. Weil Komponisten und Texter ihre Beiträge häufig liefern mussten, noch bevor das Libretto fertiggestellt war, konnten sie sich oft nur an vorgegebenen Typen von "Love Songs" orientieren, die dann in jeden beliebigen Kontext passten. So liessen sich die Songs auch leicht wieder aus dem Zusammenhang lösen, wurden etwa kurzerhand bei den Proben gestrichen oder gleich in mehreren Shows hintereinander eingesetzt. Bezeichnend für die Praktiken jener Zeit ist das Schicksal des Songs "The Man I Love“. Die Melodie gehörte ursprünglich in die Einleitung eines anderen Songs, erwies sich aber als zu stark dafür und wurde im April 1924 als eigenständiger Song ausgearbeitet und von Gershwin auf Partys präsentiert. "The Man I Love" sollte im 1. Akt der Show "Lady, Be Good" Platz finden, wirkte dort aber zu ernst, landete im 2. Akt und wurde schließlich ganz gestrichen, weil die Show zu umfangreich war. Eine Verehrerin Gershwins vermittelte eine Abschrift des Songs an ihr Lieblings-Orchester in London. Dort spielten ihn andere nach Gehör nach. Der Song erlangte Popularität und wurde schliesslich zu einem der meistgespielten Jazz-Standards.

Eine noch erstaunlichere Karriere im Jazz machte "I Got Rhythm", ein Stück, über das schon der Komponist stundenlang improvisieren konnte. Bereits 1930, nur wenige Tage nach der Uraufführung des Songs in der Show "Girl Crazy", entstanden die ersten Jazz-Aufnahmen. Das Stück wurde schnell zur inoffiziellen "Hymne" aller Jazz-Verrückten. 1933 gab Gershwin dem Drängen von Freunden nach und komponierte im Stil seiner Improvisationen die „Variations on I Got Rhythm“ für Klavier und Orchester. (Quelle: Hans-Jürgen Schaal: Fascinating Rhythm, George Gershwin und der Jazz)
 

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